Wenn Geschichte lebendig wird

Ein Jahr nach ihrem letzten Besuch am Gymnasium Rutesheim kehrte Wendelgard von Staden als Zeitzeugin an das Gymnasium Rutesheim zurück, um mit der Klassenstufe 10 am Dienstag, 13. Januar 2026 über ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus, des Holocausts und der Nachkriegszeit zu sprechen. Schon ihre Präsenz beeindruckte viele: Trotz ihrer fast 101 Jahre hielt sie den gesamten Vortrag im Stehen – „sehr überraschend, dass sie noch so viel weiß“, bemerkte eine Schülerin. Für viele wurde dabei erst richtig greifbar, dass Frau von Staden all das nicht aus Büchern kennt, sondern selbst erlebt hat.

Geboren wurde sie am 7. Juni 1925 in Heidelberg als Wendelgard von Neurath. Eindrücklich zeigte sie auf, wie eng ihr Leben mit der Weltgeschichte verknüpft ist.

Ein zentraler Teil ihres Vortrags befasste sich mit dem Jahr 1944, als das Hofgut ihrer Familie in Kleinglattbach von der SS enteignet wurde, um dort das Konzentrationslager Wiesengrund einzurichten. Die dorthin gebrachten Häftlinge waren aus Auschwitz deportierte, zur Zwangsarbeit eingesetzte Männer, die in einem Steinbruch in Vaihingen/Enz Flugzeugteile für die Firma Messerschmitt herstellen mussten. Frau von Staden schilderte eindringlich die Begegnungen mit völlig entkräfteten Zwangsarbeitern, die kaum noch sprechen konnten – aus Angst, etwas Verbotenes zu sagen. Über 2.000 Menschen überlebten diese unmenschlichen Bedingungen nicht.

Großen Eindruck hinterließ der Mut der Familie, insbesondere von Frau von Staden und ihrer Mutter, die die Misshandlungen der Häftlinge nicht einfach hinnahmen, sondern sich über Monate hinweg für bessere Verpflegung und Behandlung einsetzten. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich davon tief beeindruckt und manche hätten gerne noch mehr über diese konkrete Hilfe erfahren.

Neben den Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland berichtete Frau von Staden auch über die Zeit nach der Befreiung. Sie beschrieb das Gefühl, „wie von einer Leine losgelassen“ zu sein, sprach offen über das Empfinden einer deutschen Kollektivschuld und über die neuen Chancen der Nachkriegszeit. Besonders interessiert verfolgten die Jugendlichen ihre Schilderungen aus den USA – etwa darüber, wie der Krieg dort wahrgenommen wurde. Dass sie später als Diplomatin sogar mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten an einem Tisch saß, hinterließ nachhaltigen Eindruck.

Ihr Lebensweg machte sie den Schülerinnen und Schülern als eine Frau sichtbar, die immer wieder Neuland betrat: als eine der ersten Frauen im landwirtschaftlichen Studium, später in Paris und den USA sowie in der Diplomatie. Offen sprach sie auch darüber, dass ihr der BDM in jungen Jahren zunächst gefallen hatte – ein Aspekt, der viele zum Nachdenken über die Wirkung nationalsozialistischer Propaganda brachte.

Im Anschluss an ihren Vortrag nahm sich Frau von Staden noch viel Zeit für Fragen und Gespräche. Wir danken ihr herzlich für ihren erneuten Besuch und dafür, dass sie ihre einhundert Jahre umfassenden Erfahrungen mit uns teilte. Ihr Bericht machte Geschichte lebendig und regte nachhaltig zum Nachdenken über Verantwortung, Zivilcourage und Demokratie an.

Andrea Frenzel
Abteilungsleiterin Kommunikation

Als Dank für die besondere Begegnung gab es von der Klassenstufe 10 Blumen für Wendelgard von Staden
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